Tiger im Ussuriland

Für die Russische Geographische Gesellschaft unternahm Professor Wladimir K. Arsenjew in den Jahren 1900 - 1927 zwölf Expeditionen durch die Wildnis der Gebirge und wasserreichen Täler Ostsibiriens. Einmal war er im urwaldreichen Ussuriland mit Derssu Usala, einen eingeborenen Jäger aus dem Tungusenstamm der Golden unterwegs. Auf dieser Expedition hatte Wladimir Arsenjew eine aufregende Begegnung mit einem Sibirischen Tiger.

Sibirischer Tiger

Ein Sturm der uns gezwungen hatte, im Lager zu bleiben, war gegen Abend schwächer geworden. Hier und da zeigten sich Sterne am Himmel. Jeder Windstoß fegte trockenen Schnee über die gefrorene Erde, so daß die harten Schneekristalle wie Sand raschelten. Wir lagerten im Lebensraum der größten heute lebenden Katzen, der Sibirischen Tiger und waren darum besonders wachsam. Mein Gefährte stand nahe am Feuer und blickte angestrengt in das Dunkel der Nacht. Auch die Hunde waren erregt und schliefen nicht; sie drückten sich am Feuer herum, versuchten, sich hier und da niederzulegen, sprangen aber wieder auf und schlichen an eine andere Stelle.

"Was gibt es da, Derssu?" fragte ich den Golden. "Es laufen Wildschweine herum", antwortete dieser.

"Nun, was ist dabei Besonderes?" wollte ich wissen.

Schwarzwild ist in diesen Wäldern häufig. Die Schweine zogen umher, stießen auf unser Biwak und mochten jetzt wohl geräuschvoll ihr Mißfallen darüber ausdrücken.

Derssu machte mit der Hand eine ärgerliche Geste und sagte:" Wie ist das mit dir, du treibst dich schon so viele Jahre in diesen Bergen herum und verstehst noch immer nicht! Im Winter laufen Schweine nachts nicht herum!"

Ich verstand den Sinn seiner Worte nur halb.

Jedenfalls war aus der Richtung, nach der Derssu blickte, das Krachen des dürren Fallholzes und das untrügliche Grunzen und Quieken von Wildschweine zu hören. Ein Stück vor unserem Biwak verließen sie die Senke und umgingen den kegelförmigen Hügel, auf dem wir lagerten. "Aber wie kommt es, daß diese Schweine nachts unterwegs sind?" fragte ich Derssu.

"Umsonst laufen die nicht. Sie werden getrieben!" antwortet der Jäger. Ich nahm zuerst an, daß er Udechesenjäger meinte und wunderte mich nur, wie die Eingeborenen wohl nachts auf Schneeschuhen durch die Taiga kämen. Aber dann begriff ich plötzlich den Sinn seiner Worte: die Wildschweine wurden von einem Tiger verfolgt! Wir lauschten noch eine Weile, doch bald hörten wir die Wildschweine nicht mehr und auch unsere beiden Hunden beruhigten sich wieder. Offenbar war doch kein Tiger in der Nähe.

Ich hatte keine Lust, abzuwarten bis das von Derssu in die Flammen gestellte Teewasser kochte, sondern schleifte meinen Schlafsack näher ans Feuer und versenkte sofort in Schlaf.

Ich erwachte, weil sich plötzlich ein schwerer Körper auf meine Brust wälzte. Gleichzeitig hörte ich Hundegewimmer und Derssus verzweifeltes Schreien: "Schnell, schnell, wach auf und nimm das Gewehr!"

Erschrocken warf ich die obere Klappe des Pelzsackes von mir und richtete mich halb auf. Schneestaub und trockenes Reisig flogen mir um die Ohren, und ich sah noch, wie ein langer Schatten dm Wald zuglitt. Auf meiner Brust lag der Hund Alpa. Das Feuer war fast erloschen, nur einige wenige Aststücke glühten noch. Derssu saß auf der Erde uns stützte sich mit einer Hand in den Schnee. Mit Mühe schüttelte ich den Hund von mir ab, kroch aus dem Sack und näherte mich Derssu.

Junge Tiger

"Was ist denn los?" wollte ich wissen. "Amba, Amba!" schrie er ganz entsetzt. "Amba ist in unser Biwak gekommen und hat einen Hund mitgenommen."

Amba ist die Bezeichnung der Golden für den Tiger.

Jetzt erst bemerkte ich, daß unser zweiter Hund fehlte. Derssu schilderte mir nun den Überfall. Der Jäger war von den Hunden geweckt worden. Sie sprangen fortwährend von einer Seite des Lagerfeuers auf die andere, offenbar, um einer großen Gefahr zu entgehen. In seiner Angst hatte sich der Hund Alpa schließlich mit Schwung auf Derssus Kopf gesetzt. Im Halbschlaf stieß dieser den Hund beiseite und erblickte im gleichen Augenblick ganz nahe vor sich den Tiger. Das furchtbare Raubtier hatte den anderen Hund bereits gepackt, drehte sich nun ohne Eile um und schleppte sein Opfer in den Wald.

Wir legten ein großes Feuer an und kochten uns Tee. Dabei besprachen wir das Ereignis. Obwohl der Tiger uns sehr nahe gekommen war, hatte er gewiß nicht die Absicht, uns zu töten. Es waren unsere Hunde, die ihn zum Angriff reizten.

Kaum wurde es hell, da machte Derssu sich auf, um die Sträucher rund um das Biwak zu durchforschen. Er fand viele Spuren im Schnee und stellte fest, daß der Tiger einer Wildschweinrotte gefolgt war, die in der Nacht nahe an unserm Lager vorüber wechselte. Der Tiger schlich am Lager vorbei und ging den Schweinen nach. Dann hatte er jedoch kehrt gemacht und das Biwak lange umkreist. Als das Feuer gänzlich erloschen war, holte er sich den Hund aus unserer Mitte.

Nie wieder kam mir ein wildlebender Sibirischer Tiger so nahe wie in dieser Nacht!

Der Ussuri- Tiger ist die größte und schwerste Katze der Erde. Er trägt in der kalten Jahreszeit ein langhaariges, dichtes Winterfell. Obwohl dieses Fell in einer eintönigen Umgebung auffällig aussieht, tarnt es den Tiger in seinem natürlichen Lebensraum. Wenn er sich zwischen Büschen und dürrem Laub bewegt, so scheinen die schwarzen und gelben Streifen mit den Farben der Landschaft zu verschmelzen. Tiger sind vorwiegend Großwildjäger. Sie erbeuten Wildrinder, Wildschweine, Hirsche und sogar Braunbären. An vielen Stellen ihres früheren Verbreitungsgebietes wurde der Tiger völlig ausgerottet. So gibt es nur noch etwa 160 freilebende Urssurtiger, die von sowjetischen Naturschützer streng bewacht werden.